Ich war zu erschöpft, zu überfordert und zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um gezielt nach Erklärungen zu suchen. Die ersten Hinweise kamen von außen. Eine beiläufige Frage meiner Hausärztin:
„Hatten Sie kürzlich Corona? Dann könnte Long Covid ein Thema sein.“
Damals dachte ich noch: Ach, ich doch nicht.
Ein Bekannter erzählte mir von seiner eigenen Geschichte mit Long Covid. Da begann ich nachzudenken.
Im Dezember 2023 hatte ich meine zweite Covid-Infektion. Ich lag zwei Wochen mit starken Symptomen flach und kam nur schwer wieder in die Gänge. Danach blieben Atemnot, Glieder- und Muskelschmerzen bestehen. Ich fand weder in meinen Trainingsalltag noch in meine Energie zurück und stieß permanent an meine Grenzen.
In einem Gespräch mit einer Kollegin erfuhr ich mehr über den Krankheitsverlauf ihres Mannes. Zum ersten Mal fiel ein Begriff, der hängen blieb:
Post Covid. Nicht als Diagnose. Sondern als Möglichkeit.
Diagnose Post Covid – Wenn Symptome plötzlich ein Muster ergeben
Mit diesem Begriff begann sich etwas zu ordnen.
Plötzlich ergaben Dinge Sinn, die ich zuvor nicht miteinander in Verbindung gebracht hatte:
- Hautreaktionen
- Magen- und Darmprobleme
- Überempfindlichkeit auf Reize
- das Gefühl, dass mein Körper „überreagiert“
Symptome, die ich lange einzeln betrachtet hatte, fügten sich erstmals zu einem Bild. Das war kein Aha-Moment im positiven Sinn. Aber es war der Punkt, an dem ich aufhörte, alles als Zufall zu sehen.
Erste Schritte nach dem Verdacht auf Post Covid
Ich sprach mit meiner Therapeutin darüber. Sie half mir, mögliche Anlaufstellen zu finden. Nicht im Sinn schneller Lösungen, sondern als Orientierung. Ich begann, gezielt nach Ärzt:innen zu suchen, die nicht nur einzelne Symptome betrachteten, sondern den gesamten Zustand.
Eine Allgemeinmedizinerin. Ein Lungenfacharzt mit ganzheitlichem Blick. Die Long-Covid-Ambulanz in Graz. Schritt für Schritt fügte sich ein Bild zusammen.
Die Diagnose: ein Name, jede Menge Symptome – und viele offene Fragen
Irgendwann hatte das, was ich erlebte, einen Namen.
Post Covid. ME/CFS. PEM. MCAS.
Das war einerseits erleichternd. Nein, es war keine schöne Diagnose – aber eine, die mir erlaubte, aufzuhören, mich selbst infrage zu stellen und mich zu schämen.
Zum ersten Mal durfte ich meinen Zustand ernst nehmen und akzeptieren. Gleichzeitig wurde schnell klar: Ein Name allein ändert nichts.
Es gab keine klare Therapie. Keine eindeutige Medikation – nur Symptombehandlung. Keine konkrete Anleitung. Keinen Fahrplan. Keine echte Begleitung.
Nur die Erkenntnis:
Es ist kein psychologisches Problem.
Und dennoch zeigte sich im weiteren Verlauf: Es wird weiterhin psychologisiert, relativiert, ignoriert.
Warum bestehende Behandlungswege nicht passen
Mit der Diagnose wurde auch klar, dass die bereits bewilligte psychologische Reha für meinen Zustand nicht stimmig war.
Nicht, weil psychische Unterstützung grundsätzlich falsch wäre – sondern weil sie meine körperliche Realität nicht abbildete. Aktivierende Maßnahmen, wie sie in psychologischen Reha-Programmen üblich sind – können bei PEM zu Zustandsverschlechterungen führen. Dieses Risiko einzugehen, war keine Option.
Ich brauchte eine Alternative. Doch schnell wurde klar: Eine eindeutige Post-Covid-Reha gibt es nicht. Es folgte eine Odyssee aus Recherche, Informationsgesprächen und dem Versuch, dabei nicht zu crashen.
Als ich passende Einrichtungen gefunden hatte, begann der nächste Schritt: neue Anträge stellen, begründen, erklären warum etwas nicht passt – ohne selbst genau zu wissen, was eigentlich gebraucht wird.
Auch das kostete Energie, die ich kaum noch hatte.
Recherche, Verständnis – und neue Rückschläge
Erst nach der Diagnose begann ich zu verstehen, was Post Covid konkret bedeutet und womit ich es tatsächlich zu tun habe.
Das war ernüchternd. Je mehr ich verstand, desto klarer wurde, wie komplex und begrenzend dieser Zustand ist.
In dieser Phase kam es zu weiteren Verschlechterungen. Nicht, weil ich unvorsichtig war – sondern weil ich noch nicht wusste, wie Crashs (PEM) entstehen und wie schnell Belastung zu viel sein kann.
Grenzen austesten – aus alter Gewohnheit
Ich war es mein Leben lang gewohnt, über meine Grenzen zu gehen. Also tat ich das auch hier. Ich wollte wissen, wo meine Grenzen liegen, um sie achten zu können.
Heute weiß ich: Das war keine gute Entscheidung.
Bei Post Covid und PEM lassen sich Grenzen nicht durch Austesten verschieben. Sie verschieben sich durch Schutz. Damals hatte ich noch keine Ahnung von Pacing.
Leben im Zustand maximaler Einschränkung
In dieser Zeit war ich zu fast nichts mehr fähig. Ich lag in einer abgedunkelten Wohnung. Mit Sonnenbrille. Zwei Decken. Wärmflasche. Warme Kleidung – im Sommer.
Und trotzdem fror ich.
Dazu kamen sogenannte Brain Zaps: kurze, elektrische Empfindungen im Kopf, oft begleitet von Schwindel, Benommenheit und dem Gefühl, innerlich „abzureißen“. Sie entstehen vermutlich durch eine Überlastung des Nervensystems und treten häufig bei Post Covid, ME/CFS oder auch bei Medikamentenveränderungen auf.
Für mich waren sie ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr mein System aus dem Gleichgewicht geraten war.
Zwischen Wollen und Nicht-Können
Ich konnte nichts tun. Und Nichtstun war ich nicht gewohnt. Also drehte ich mich im Kreis – zwischen dem Wunsch, etwas zu unternehmen, und der latenten Gefahr, dass jeder Schritt zu viel sein kann.
Es lag noch ein langer Weg vor mir. Und ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie viel Lernen er erfordern würde.