Warum gut gemeinte Selbstfürsorge bei Post Covid schaden kann

Nach dem Jobverlust versuchte ich mir zunächst einzureden, dass die Situation nicht so dramatisch ist. Im Gegenteil. Ich sagte mir, dass meine Gesundheit wichtiger ist als alles andere und erstmal Selbstfürsorge angesagt ist. Dass das vielleicht sogar ein Zeichen sei – denn nichts geschieht bekanntlich ohne Grund.

Zwischen Hoffnung und Selbstoptimierung

Ich dachte:

Jetzt nehme ich mir einfach ein bisschen Zeit, komme zur Ruhe, sortiere mich neu und gehe danach gestärkt meinen persönlichen Weg.

Ich hatte mich über viele Jahre intensiv mit Persönlichkeitsentwicklung, Training, Fitness und Resilienz beschäftigt. Hatte schon einiges in meinem Leben an Schicksalsschlägen hinter mir. Diese Erfahrungen haben mich geprägt. Ich war es gewohnt, Krisen aktiv zu bewältigen. Nicht abzuwarten, sondern zu handeln.

Ich wusste, wie ich mich motiviere. Wie ich mich selbst antreibe. Wie ich durch schwierige Phasen gehe. Darin war ich schon immer sehr gut. Vielleicht zu gut. So war ich überzeugt:

Bis Ende des Jahres bin ich wieder fit.

Selbstfürsorge als Strategie: kurz pausieren, dann weitermachen

Mein Plan war einfach. Zwei Wochen ohne Verpflichtungen. Keine To-dos die es abzuarbeiten galt. Kein Zeitplan und dementsprechend auch kein Druck.

Regenerieren. Erholen. Stabilisieren. Das machen, wonach mir gerade ist.

Danach geht es wieder bergauf. Dann orientiere ich mich neu, plane meine Zukunft und gehe endlich den Weg, den ich mir schon so lange erträumte.

So kannte ich das. So hatte es früher funktioniert. Ich war davon überzeugt, dass mein Körper diese Pause nutzen würde, um wieder Kraft aufzubauen um anschließend wieder wie gewohnt zu “funktionieren”.

Der erste Crash: Wenn Aktivierung zur Verschlechterung führt

Was stattdessen kam, war ein Fallen. Nicht abrupt. Nicht dramatisch. Sondern schleichend – und immer tiefer.

Heute weiß ich:

Das war mein erster und zugleich heftigster Crash.

Damals war mir das nicht bewusst. Ich erklärte mir meinen Zustand mit äußeren Umständen. Herbst. Dunkelheit. Allein in einer neuen Stadt. Kein Job. Und keine Ahnung, wie es weitergeht.

Das hätte mir früher nichts ausgemacht. Aber diesmal war die Ausgangslage eine andere. Mein soziales Umfeld war rund 200 Kilometer entfernt. Ein spontaner Kaffee. Ein Spaziergang mit einer Freundin. Eine Umarmung. All das war plötzlich nicht mehr selbstverständlich.

Natur, Bewegung und Fotografie – wenn frühere Kraftquellen nicht mehr regulieren

Also wandte ich mich dem zu, was mir immer Kraft gegeben hatte. Natur. Fotografie. Das Fotografieren brachte kurz etwas zurück. Ein Aufflackern.

Das Gefühl:

Ich bin noch da. Ich funktioniere noch. Aber auch das hatte seinen Preis. Eine Stunde im Wald bedeutete mindestens zwei Tage Schmerzen, Erschöpfung, Kreislaufprobleme und Brain Zaps. Ich verstand den Zusammenhang nicht.

Ich sah nur: Es geht weiter bergab und meine gewohnten “Werkzeuge” waren nicht nur wirkungslos – sie führten zu weiterer Verschlechterung.

Wenn selbst therapeutische Begleitung keine Erklärung mehr findet

Meine Therapeutin machte sich Sorgen. So sehr, dass sie eine Einweisung ins Krankenhaus in den Raum stellte. Das hat mich kurz wachgerüttelt. Nicht, weil ich plötzlich etwas hätte ändern können – sondern weil klar wurde:

Das hier entzieht sich meiner Kontrolle. Ich wollte etwas tun, aktiv sein, Lösungen finden. Aber wenn der Körper seine Kraft verliert, kann der Kopf noch so überzeugend sein, er stößt an seine Grenzen.

Warum psychische Erklärungen nicht mehr trugen

Nach einem kurzen Schub, in dem ich dachte, es würde besser werden, kam der nächste Einbruch. Diesmal konnte selbst meine Therapeutin keine psychische Erklärung mehr finden.

Und damit wurde klar:

Das ist weder Burnout noch Depression.

Keine klassische psychische Erkrankung. Es war etwas anderes. Nur wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand, was genau…

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